Die Schwere und das Lachen
Das Leben ist Gleichzeitigkeit, da erzähle ich dir nichts Neues. Gleichzeitigkeit ist oft widersprüchlich und richtig schwer auszuhalten. Wie groß diese widersprüchliche Gleichzeitigkeit sein kann, habe ich extrem erleben müssen. Ich weiß noch, als ich von der Beerdigung meines Sohnes kam: Ich legte mich aufs Sofa und schaute Friends. Ich lag da und lachte, während ich innerlich eigentlich tot war. Es war mein wohl größter Widerspruchsmoment, an den ich mich bewusst erinnere.
Die Welt im Ausnahmezustand
Für mich war der Beginn der Corona-Pandemie gefühlt der Auftakt für Jahre, in denen die Welt so viele schreckliche, menschenverachtende und kriegerische Handlungen gleichzeitig erlebt, wie ich persönlich es vorher nicht wahrgenommen habe. Und deshalb erlebe ich diese Monate, Wochen und Tage oft auch für mich als widersprüchlich. Vielleicht geht es dir ja auch so?
Am Abend bleibt das Licht länger. Die Sonne wird kräftig, Knospen öffnen sich und blühen. Gleichzeitig reden wir darüber, wer das schönste Kleid bei der Oscar-Verleihung trug oder wohin es im nächsten Urlaub gehen wird. Ich habe ein Traugespräch und lese eine Stunde später von Collien Fernandes und dem, was ihr Ehemann Christian Ulmen Furchtbares getan hat.
Das Unausweichliche aushalten
Es gibt Vieles, was schwer ist – in mir und um mich herum. Nachrichten, Gedanken und Sorgen verschwinden nicht einfach, nur weil der Frühling kommt oder das Leben weitergeht. Damit leben wir alle; es geht ja gar nicht anders. Wir wissen das und machen weiter. Aber wir kommen auch nicht drum herum, uns selbst zu fragen: Wie soll das zusammengehen? Darf ich mich überhaupt freuen, wenn so viel Leid ist? Muss ich mich zu allem äußern oder Position beziehen? Ist es richtig, die Sonne zu genießen, während andere kämpfen, verlieren und trauern?
Ich frage mich eigentlich nicht, wie man die Gleichzeitigkeit von Schönem und Schrecklichem aushält. Es ist einfach so. Das Schöne und das Schwere, das Aufblühende und das, was noch wehtut – alles ist gleichzeitig da, in jeglicher Widersprüchlichkeit.
Leben im Unfertigen
In den letzten Newslettern habe ich immer wieder darüber nachgedacht, was uns trägt – über Hoffnung, über Halt und über das, was wachsen darf. Ich merke, dass das alles stimmt und wichtig bleibt. Aber vielleicht kommt jetzt noch etwas dazu – etwas, das weniger Antwort ist und mehr Wirklichkeit. Nämlich, dass wir nicht immer auflösen können, was sich widerspricht. Dass wir nicht erst Klarheit brauchen, um leben zu können. Dass wir mitten im Unfertigen stehen und genau dort unseren Platz haben.
Die Reihenfolge des Lebens
Ich habe gelernt: Etwas muss erst schwerer werden, bevor es leichter wird. Dass es erst leichter werden muss, bevor wir uns freuen dürfen, oder dass wir stark sein müssen, um mit dem Schweren klarzukommen. Und gleichzeitig habe ich erlebt, dass ich das gar nicht immer in meinem Leben leisten beziehungsweise aufbringen kann. Denn das Leben hält sich nicht an diese Reihenfolge. Es ist selten Entweder-oder; es ist fast immer Beides.
Die Passionszeit erinnert mich daran. Sie erzählt nicht von einem schnellen Übergang ins Gute, sondern sie hält das Schwere aus. Sie schaut hin und bleibt dabei nicht stehen, sondern vertraut darauf, dass das Leben trotzdem weitergeht.
Freude als leiser Widerstand
Gleichzeitig beginnt draußen alles neu, als würde die Welt sagen: Auch jetzt. Gerade jetzt. Leben wächst nicht erst, wenn alles geklärt ist; es wächst mitten in dem, was noch unvollständig ist. Das ist eine Antwort auf das, was uns gerade bewegt: Dass wir uns nicht entscheiden müssen zwischen Mitgefühl und Lebensfreude. Dass wir beides dürfen: mitfühlen und trotzdem atmen, hinschauen und trotzdem hoffen, die Welt ernst nehmen und trotzdem das Gute nicht aus den Augen verlieren.
Ich glaube, es ist nicht falsch, sich am Leben zu freuen. Es ist kein Verrat an dem, was schwer ist. Es ist sogar eine leise Form von Widerstand: Wir geben das Leben nicht aus der Hand. Wir sehen das Licht – und zwar nicht, weil alles gut ist oder wir uns etwas schönreden, sondern weil wir glauben, dass es mehr gibt als das Dunkle.
Die Stärke der Spannung
Darin liegt eine Stärke. Wir müssen nicht darauf warten, bis alles gut ist. Wir müssen uns auch nicht entscheiden zwischen Hoffnung und Ehrlichkeit. Wir dürfen traurig sein und uns trotzdem über das Licht freuen. Wir dürfen müde sein und trotzdem spüren, dass etwas in uns lebendig bleibt. Wir dürfen lachen und lieben und leben.
Wir müssen das Leben nicht sortieren – nicht in Richtig und Falsch, nicht in Hell und Dunkel. Sondern wir müssen lernen, beides zu tragen, auch wenn es verlockend ist, die Welt in Schwarz und Weiß zu trennen. Der Glaube mutet uns diese Spannung zu. Er nimmt das Schwere ernst und hält gleichzeitig daran fest, dass das Leben stärker ist als das, was uns niederdrückt.
Das Leichte im Schweren finden
Ich kann die Welt nicht groß verändern; ich werde sie nicht retten können, die Kriege nicht beenden und Strukturen nicht zerschlagen. Was ich kann, ist wahrzunehmen: Was ist gerade schwer? Und wo ist trotzdem etwas leicht?
Denk daran: Beides darf da sein. Wir müssen uns nicht daran zerreißen. Erinnere dich immer wieder, dass Gott nicht nur im Licht ist, sondern auch im Dazwischen. Im Unfertigen, im Widersprüchlichen, im Jetzt und in der Gleichzeitigkeit. Das reicht für heute – und auch für morgen.
