Ein rosenroter Sommer

„Manchmal ist es so, als ob das Leben einen seiner Tage herausgriffe und sagte: Dir will ich alles schenken! Du sollst solch ein rosenroter Tag werden, der im Gedächtnis leuchtet, wenn alle anderen vergessen sind.“ (Astrid Lindgren, Ferien auf Saltkrokan)

Die Sehnsucht nach dem echten Sommer

Wenn die letzten Abende des Jahres angebrochen sind, an denen wir lange draußen sitzen können, Fledermäuse über unsere Köpfe fliegen und ein kleines Licht auf dem Tisch flackert, dann wünsche ich mir eins: Ich möchte mich nicht fragen müssen, wo bloß der Sommer war! Diesen Sommer möchte ich leben! Ich möchte mir dort auch nicht vornehmen, ab jetzt das Leben mehr wie im Urlaub zu leben.

Nimmst du dir das auch vor, nur um dann nach ein paar Tagen zuhause wieder in den alten Trott zu fallen? Nein, in diesem Jahr möchte ich es anders machen, schreibe ich dir, während ich mich total unwohl fühle, weil ich mich die ganze Woche vor Stress nur von Haribo-Kirschen ernährt habe und viel zu viel am Handy hing, um zu entfliehen.

Befreiung vom Online-Perfektionismus

Zum Glück beginnt der Sommer ja erst noch. Zum Glück weiß ich mittlerweile, dass ein gelebter Sommer nicht bedeutet, Instagram-perfekt zu leben. Vielleicht eine wichtige Erinnerung für dich und mich: Das meiste, was wir dort in den nächsten Wochen und Monaten sehen werden, ist Content, mit dem die Postenden Geld verdienen!

Die wenigsten von uns haben Zeit, im Alltag ständig tolle Ausflüge zu machen. Wir werden auch nicht den gefühlten ganzen Sommer Urlaube machen und Bilder mit perfekten Körpern im azurblauen Wasser schießen. Und wir werden wahrscheinlich auch nicht jeden Tag etwas Großartiges mit unseren Kindern unternehmen, basteln und dabei auch noch Kinder an der Seite haben, die darauf Lust haben!

Lange Vorrede, wichtiger Sinn. Ich versuche mal zum Punkt zu kommen…

Der feine Goldfaden im Alltag

Es gibt Tage, die sind anders als alle anderen. Die sind nicht unbedingt spektakulärer, aber irgendetwas an ihnen wirkt in uns so, als hätte jemand einen feinen Goldfaden durch die Stunden dieses Tages gezogen. Als wäre die Welt für uns für einen Augenblick durchlässiger geworden.

Die kluge Astrid Lindgren schreibt in „Ferien auf Saltkrokan“: „Manchmal ist es so, als ob das Leben einen seiner Tage herausgriffe und sagte: Dir will ich alles schenken! Solche Tage können wir nicht planen oder buchen. Das wäre auch nicht gut – ich vermute mal, wir würden enttäuscht werden, weil irgendetwas doch nicht wie in unserer Vorstellung wäre. Sie lassen sich nicht auf eine To-do-Liste schreiben (leider) und schon gar nicht auf Instagram produzieren. Ein Geschenk! Und gleichzeitig frage ich mich: Gibt es etwas, das wir tun können, damit sie nicht an uns vorbeiziehen?

Das „Jetzt“ statt das „Danach“

Ich persönlich bin nämlich gar nicht gut darin, etwas anzunehmen, das gut für mich ist. Und manchmal habe ich das Gefühl, dass Gott uns mehr schenken möchte, als wir überhaupt bemerken. Mit dem nächsten Termin. Mit dem nächsten Griff zum Handy. Manchmal leben wir so sehr im Danach, dass wir das Jetzt verpassen.

Dabei spielt sich das Leben immer nur hier ab. In diesem einen Augenblick. In dieser einen Begegnung.

Einladung zur Aufmerksamkeit

Jesus scheint das gewusst zu haben. Immer wieder fordert er Menschen auf: „Sieh hin.“ Seht die Lilien auf dem Feld. Achtet auf das Senfkorn. Schaut euch um.

Da denke ich tatsächlich oft dran, wenn ich mich sorge, und erinnere mich selbst daran, dass, wenn ich Gott begegnen will, lernen muss, aufmerksam zu werden. Nicht alles Spirituelle geschieht in außergewöhnlichen Erfahrungen. Zwischen Einkauf und Wäsche. Zwischen Kinderchaos und Müdigkeit. Ein Sonnenaufgang löst keine Probleme. Ein blühendes Feld heilt keine Wunden. Und trotzdem können solche Momente etwas in uns berühren, das wir dringend brauchen. Daran, dass die Welt nicht nur aus Aufgaben besteht. Daran, dass wir getragen werden.

Rosenrote Gnadentage

Wahrscheinlich sind diese rosenroten Tage deshalb keine perfekten Tage. Und es kann ja auch sein, dass es nur dieser eine Moment war, der den Tag rosenrot gemacht hat. Zugegeben, das Wort klingt nicht so schön wie Rosenrot, aber der Sinn dahinter ist es.

Was, wenn es Tage sind, an denen wir für einen Moment wahrnehmen, was immer schon da war? Dass Gott uns umgibt. Dass seine Gegenwart nicht auf die stillen Stunden am Meer beschränkt ist. Im Garten. Im Freibad mit Pommes Schranke (rot-weiß). Am Küchentisch. Eben mitten in unserem ganz normalen Leben.

Kleine Übungen des Daseins

Ein gelebter sommer beginnt deshalb nicht mit mehr Zeit, sondern mit mehr Aufmerksamkeit (was ich jetzt nicht leichter finde). Mit einem Moment, in dem wir das Handy weglegen. Mit dem Entschluss, heute nicht sofort weiterzugehen, wenn etwas Schönes meinen Weg kreuzt. Mit einem Gebet, das auch nur ein Wort sein kann, ein Glucksen oder Stöhnen. Gott, lass mich sehen, was du mir heute schenken möchtest.

Ich glaube nicht, dass jeder Tag ein rosenroter Tag wird. Aber ich glaube, dass Gott an jedem Tag da ist. Für das Geschenk an sich muss ich nichts tun. Ich werde es jeden Tag üben, mal mehr, mal weniger, so viel ist klar. In der Hoffnung, dass mir nicht allzu viele dieser Tage flöten gehen. Zu spüren: Dieser Augenblick ist ein Geschenk. Nicht spektakulär. Die meisten dieser Momente werden klein sein. Manche werde ich schnell wieder vergessen haben. Und noch lange leuchten.

Ein rosenroter Tag ist ein Gnadentag. Ein Tag, an dem Gott leise durch die Ritzen des Alltags schien und sagte: Ich bin da. Und alles, was du für dein Leben brauchst, beginnt mit einem Geschenk.

Ich wünsche dir viele rosenrote Tage!
Und dass du mindestens ein paar von ihnen auch in dir spürst.

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