Genug sein (Eine Liste)
Unser kleiner Newsletter ist heute eher eine Liste. Hinter mir liegt eine Woche voll Arbeit in der Gemeinde, Herumorganisieren meiner kranken Kinder und dem Gefühl, nichts so richtig richtig gemacht zu haben. So ist die kleine Liste zwischen meinen hauchdünnen Nerven, dem einen oder anderen Nervenzusammenbruch und meinem Allesgeben – und mir ist ja doch was gelungen – entstanden.
Ich bin sicher, an der einen oder anderen Stelle wirst du dich selbst entdecken. In der kleinen Liste von Dingen, die ich an Tagen und in Wochen wie diesen brauche. Möge sie dir helfen!
Was ich brauche, um genug zu sein
Hier ist die Liste der Dinge, die ich brauche, um mich genug zu fühlen:
- Meinen Schlaf (der letzte Nacht nicht ganz gereicht hat, ich hatte meinen Kopf eine Sekunde lang falsch abgelegt).
- Einen Spiegel, der mich nicht sofort beurteilt.
- Eine Nachricht, die freundlich ist, ohne versteckte Dringlichkeit.
- Einen Körper, der einfach nur mitmacht, ohne Diskussion (siehe Schlaf).
- Viel Schokolade zum Schnabulieren.
- Einen Tag, der nicht sofort zu eng sitzt.
Die Suche nach Gottes Blick
Was ich wirklich brauche, ist Gott. Gottes zarten Blick auf mich. Einer, der mich nicht prüft und erst recht nicht an irgendwas misst. Ich brauche Gottes Versprechen, dass ich nicht aus mir selbst heraus bestehen muss. Gottes leises Flüstern in mein Herz, das mich nicht antreibt, sondern zurückholt.
„Meine Gnade ist genug für dich; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit.“
(2. Korinther 12,9)
Der trügerische Vergleich
Was heißt schon „genug sein“? Wie sollen wir das messen? Womit vergleichen? Mit der Mutter auf Instagram, die scheinbar alles im Griff hat? Sauberes Haus, blühender Garten, Kinder ohne Flecken auf dem Pulli, einen Ehemann, der sie auf Händen trägt? Oder einer Kollegin, die so viel klüger ist und es ganz anders macht als ich selbst?
Was heißt es, genug zu sein? Das Gefühl kenne ich zumindest ab und an mal. Es dauert aber nicht allzu lange an. Es beginnt in mir wie Nebel am Morgen oder wie Wäsche, die noch nicht trocken ist.
Der Engel in der Küche
So läuft es bei mir ab: Ich merke es kaum, meine Schultern bleiben oben, mein Kiefer hält noch fest (Lob sei meiner Schwester, die mir eine Knirschschiene verpasst hat). Meine Gedanken laufen weiter, obwohl niemand sie ruft. In mir schwirrt die Frage herum, ob das reicht, was ich mache und wer ich bin.
Ich stelle mir vor: Ein Engel geht durch meine Küche, zwischen Brotkorb und liegengebliebenem Leben. Er zählt nicht, was ich alles hätte wegräumen müssen. Er bewertet nicht die Milchflecken vom Frühstück auf dem Tisch, die ich noch nicht weggewischt habe. Er bleibt einfach kurz stehen und sagt nichts Großes.
Nur: „Genug.“
Er sagt es dem ungewaschenen Haar, der unbeantworteten WhatsApp-Nachricht, dem Menschen, der sich selbst zu laut denkt. Der 4 in Mathe und dem Nachschwingen meines Verzweiflungsschreis. Er sagt es dem Herz, das zu oft nachbessert, dem Tag, der nicht glänzt, und dem Versuch, alles richtig zu machen.
Wenn Gnade alles verändert
Und dann passiert etwas Merkwürdiges: Die Dinge hören auf, sich zu rechtfertigen. Die Tasse darf halb leer sein. Der Plan darf unvollständig sein. Du, Mensch, darfst müde sein. Unsere Beziehung muss sich nicht wie in einem romantischen Film anfühlen.
Was Gnade ist:
- Gnade ist, dass ich nicht erst beweisen muss, dass ich genüge.
- Gnade ist, dass ich gehalten bin, bevor ich mich halte.
- Gnade ist, dass mein Leben nicht auf einer Waage liegt.
- Es liegt nicht im Vergleich und auch nicht im Urteil.
- Es liegt nicht im Zu-wenig und erst recht nicht im Zu-viel.
- Gnade ist ein Blick, der mich sieht – so richtig und liebevoll – und nicht zurückzuckt.
- Gnade ist ein Wort, das mich nicht verbessert, sondern mich lässt.
- Gnade ist Gott; Gott, der mich anschaut und nicht weggeht.
Die Gewissheit des Genugseins
Kindlich, ich weiß. Verzeiht mir meine einfachen Bilder. Aber wann, wenn nicht jetzt am Morgen, dürfte ich es sagen: Ich will das, was ich sage, wirklich in mir als Gewissheit tragen. Ich will, dass wir alle wissen, dass wir nicht erst „mehr“ werden müssen, um genug zu sein.
Denn ich weiß doch, dass da Gott ist, der uns schon genug nennt, bevor wir es selbst glauben. Sonst würde ich es nicht immer und immer wieder predigen – dir, mir, uns allen. Ich möchte es glauben. Ich muss es glauben.
Eine Liste für heute
Hier ist die Liste von Dingen, die ich heute brauche:
- Kein Beweis, nur Ein- und Ausatmen.
- Keine Perfektion, nur Jetzt und Hier.
- Keinen Vergleich, nur: Ich mache es, wie ich es eben mache!
- Kein „mach mal mehr“ oder „sei mal mehr“, sondern nur: da sein.
- Gott, Gottes Blick, Gottes Flüstern in mein Herz, Gottes Versprechen.
- Gottes Engel und dieses eine kleine, schwerwiegende Wort: Genug.
Irgendwo zwischen meinem kalten Kaffee und dem Weltgeschehen, zwischen den 27 WhatsApps, die ich immer noch nicht beantwortet habe, und meinem Herzschlag, zwischen Zweifel und Abendessen steht es einfach da.
Ganz, ganz einfach: Du bist genug.
Ich weine. Genug. So sei es. Amen.
