Leiser als der Hass, stärker als der Tod
Nächste Woche ist Valentinstag. Ich weiß nicht, ob du dir aus diesem Tag etwas machst? Oder ob du sagst, er wäre dir egal, aber still und heimlich wünscht du dir doch eine liebe Kleinigkeit? Ich persönlich brauche diesen Tag nicht zwingend, ich wünsche mir auch an allen anderen Tagen Geschenke von meinem Partner. Das meine ich ernst, aber eigentlich möchte ich dir heute natürlich etwas ganz anderes sagen.
Eine leise Kraft in einer lauten Welt
Ich denke in diesen Tagen viel über die Liebe nach. Vielleicht, weil bald Valentinstag ist. Vielleicht auch, weil in der Welt gerade so viel Lautes ist, das überhaupt nichts mit Liebe gemein hat. Ich höre oft (und sage es auch selbst): „Diese Welt braucht mehr Liebe.“ Ich bin mir aber gar nicht sicher, ob das tatsächlich stimmt. Was ist, wenn es schon ganz viel Liebe auf dieser Welt gibt? Mehr als Hass? Was ist, wenn Liebe, ganz egal in welcher Form, einfach leiser ist als das, was sich gerade vordrängt? Ich glaube, es gibt viel Liebe. Mehr, als wir oft sehen. Zwischen Freund:innen und Geschwistern. Natürlich zwischen Liebespaaren. Und Eltern und Kindern. Es gibt so viel Liebe, ich kann all die Konstellationen gar nicht aufzählen. Und in ebenso vielen Konstellationen drückt sich Liebe aus: In Menschen, die füreinander sorgen, ohne darüber zu reden. Oder durch Ehrenamtliche, die sich engagieren, um anderen Menschen das Leben etwas schöner oder lebenswerter zu machen. In Gesten, die niemand kommentiert. Die Liebe, die ist auf keinen Fall verschwunden. Der Hass ist nur lauter. Er schreit, er vereinfacht, er drängt sich nach vorn – und viele lassen ihn, ohne Einhalt zu gebieten. Und wir geben ihm viel zu viel Raum: in den Medien, in unseren Köpfen, im Miteinander. Auch dadurch bekommt er seine Macht. Liebe tut das alles nicht. Liebe ist nicht schwarz-weiß. Liebe hält aus. Liebe kann auch laut sein, aber sie ist auch oft leise. Und wir müssen genau darauf achten, wie sie sich zeigt, um sie zu bemerken. Ich befürchte, zu lieben ist weniger leicht, als sich negativen Gefühlen hinzugeben.
Liebe als Vorschuss
Erst wollte ich dir schreiben, dass Liebe immer bei uns selbst beginnt. Aber das ist ja gar nicht wahr. Die Liebe, die kommt uns entgegen. Ich glaube an einen Gott, der liebt, bevor du oder ich etwas tun. Bevor ich mich bemühen muss. Diese Liebe belohnt mich auch nicht für irgendein Verhalten. Gottes Liebe ist einfach da. Das ist die Art von Liebe, die bleibt, auch wenn ich weggehe und mich lange nicht melde. Das glaube ich wirklich. Wenn um mich herum alles zusammenbricht, dann kann ich mich darauf verlassen. Gottes Liebe ist der Grund, auf dem wir stehen. Daraus dürfen wir leben, so wie wir sind. Wir dürfen müde sein oder viel zu überheblich. Wir dürfen in unseren Gebeten viel zu oft „Ich“ sagen. Das gehört zum Menschsein dazu. Wir sind eben nicht vollkommen! Gott weiß das (ist ja klar).
Kleine Entscheidungen
Wenn ich ehrlich bin, beginnt die Frage dann nicht bei der Welt, sondern bei mir selbst. Wie gehe ich mit Menschen um, wenn ich aus dieser Gewissheit heraus lebe, geliebt zu sein? Mit meinen Worten oder meinem Ton? Liebe untereinander beginnt ja selten spektakulär. Sie beginnt ganz klein und wächst dann. Ich habe gelernt, dass sie sich auch lange dafür Zeit lassen darf. Liebe beginnt auch nicht mit einem Knall, wie es im Film oft ist. Liebe beginnt, glaube ich, mit kleinen Entscheidungen. In der Art, wie ich zuhöre. Wie ich widerspreche, ohne zu verletzen. Wie ich jemanden nicht auf eine Meinung reduziere (das fällt mir echt schwer). 
Keine Garantie, aber Hoffnung
Liebe verändert sich. Immer wieder. Und manchmal geht uns die Liebe aus. Auch das ist klar. Es gibt keine Garantie. Liebe wirkt nicht automatisch. Sie fällt nicht immer auf fruchtbaren Boden. Manchmal wird sie missverstanden. Manchmal übersehen. Manchmal abgewiesen. Das lesen wir schon in den alten Geschichten des Zweiten Testaments. Jesus liebt und wird abgelehnt. Er bleibt offen und wird verwundet. Und doch geht er diesen Weg weiter. Läuft sich die Füße schmutzig für die Menschen. Immer weiter, selbst mit dem Kreuz im Nacken. Obwohl er weiß, dass er sterben wird. Jesus tut das aus Liebe und zeigt uns damit auch, was Liebe ist: Liebe ist der Ort, an dem Gott selbst gegenwärtig ist. Und dann läuft Jesus in den Tod und wieder zurück. Liebe ist stärker als der Tod! Eines habe ich auch über die Liebe gelernt: Meine Liebe muss nicht erfolgreich sein, um wahr zu sein. Sie muss nicht immer etwas bringen, obwohl ich es mir anders wünschte. Ja, es wäre wohl edelmütiger, würde ich die nächsten Worte nicht schreiben, aber ich freue mich schon, wenn ich sehe, dass meine Liebe und deren Ausdruck mein Gegenüber glücklicher macht. Ist das egoistisch? Wahrscheinlich.
Mut zum Gegenwind
Ich darf lieben üben. Und daran scheitern. Dann weiter üben. Liebe ist ja kein Stillstand. Was ich eigentlich sagen will: Wir dürfen nicht aufhören, unserer Liebe Ausdruck zu verleihen. Nächstenliebe ist wichtiger denn je. Wir dürfen, vielleicht müssen wir sogar, unsere Liebe lauter in die Welt schreien. Damit sie als der Gegenwind wahrgenommen wird, der sie ist! Wir sind geliebt und wir stehen für die richtige Sache! Denn was sollte an Liebe falsch sein? Diese Tatsache verleiht uns Kraft. Wir sollten uns nur immer mal wieder daran erinnern. Vielleicht hilft dir dieser kleine Liebesbrief Gottes an dich dabei. Du,
ich sehe dich.
Ich sehe, wie du versuchst, freundlich zu bleiben
in einer Welt, die es dir nicht leicht macht.
Wie du liebst, auch wenn du nicht weißt, ob es etwas verändert.
Ich weiß, wie oft deine Bemühungen ins Leere laufen.
Wie oft du gibst und nichts zurückkommt.
Wie oft du dich fragst, ob es sich lohnt.
Bleib.
Es wird nicht alles Früchte tragen.
Du bist auch nicht für die Herzen anderer verantwortlich.
Aber die Liebe hält dich aufrecht.
Du musst die Welt nicht retten. Du musst nicht gewinnen. Du darfst lieben in dem Maß, das dir möglich ist.
Ich beginne mit dir.
In deinem Herzen. In deinem Blick auf dich selbst. Dort, wo du lernst, nicht härter zu sein, als das Leben es ohnehin ist.
Auch nicht zu dir selbst!
Und von dort darf es weitergehen.
Es wird nicht jedesmal klappen.
Vielleicht zerbricht auch etwas hier und da. Aber deine
Liebe ist wahr.
Meine Liebe wirkt nicht immer sichtbar.
Aber sie geht nicht verloren.
Ich gehe mit dir.
Auch dann, wenn du keinen Erfolg siehst.
Auch dann, wenn du müde wirst.
Du bist nicht allein in deinem Lieben.
Gott.