Nach Ostern ist Gleichzeitigkeit
Nach Ostern ist Gleichzeitigkeit. Ich glaube, nach Ostern leben wir mit Gleichzeitigkeit. Nun, da die tatsächliche nachösterliche Woche sich dem Ende neigt, fällt es mir umso mehr auf.
Ich war nach dem Osterfest irgendwie planlos. Die Kinder in der Gemeinde waren erschöpft und gleichzeitig aufgedreht. Wenn ich dir das so schreibe, klingt es fast widersprüchlich, weil wir Ostern oft anders erwarten. Ostern ist Auferstehung. Das rufen wir mit einer Gewissheit, die mich freut. Ostern scheint dann so eindeutig, so klar. Als würde sich etwas entscheiden: Leben gewinnt, alles wird gut, ein neuer Anfang – sichtbar und spürbar.
Zwischen Gewissheit und dem, was schwer bleibt
Aber so fühlt es sich nicht an. Zumindest nicht immer. Nach Ostern ist beides da: Das Leben und das, was schwer bleibt. Die Hoffnung und die Zweifel. Ein Aufatmen und gleichzeitig das Wissen, dass nicht alles einfach geworden ist.
Diese Gleichzeitigkeit hält sich nicht an unsere Sehnsucht nach Klarheit. Sie ist nicht ordentlich. Im Gegenteil, sie fühlt sich manchmal richtig chaotisch an. Ich vergesse zu oft, dass Jesus, nachdem er auferstanden war, auch noch seine Wunden, ganz sichtbar, trug. Wieso sollten dann unsere sichtbaren und unsichtbaren Wunden plötzlich verschwunden sein?
Die Wunden der Auferstehung
Obwohl ich nun fast 40 Jahre bin und einiges an Lebenserfahrung mit mir trage, denke ich doch nach jeder meiner kleineren und großen Auferstehungen, nun sei endlich wieder alles gut. Jedes Mal ist es dann eine kleine oder größere Enttäuschung, wenn mir bewusst wird, dass dem nicht so ist. Dass ich nur mehr als zuvor in mir trage, während ich mich neu zusammensetze oder in eine neue Phase gehe. Ich weiß es – und weiß es eben erstmal doch nicht.
Die Wahrheit von Ostern ist ja: Dass die Auferstehung nicht auslöscht, was war. Dass das Neue nicht alles Alte hinter sich lässt, sondern dass beides nebeneinander stehen darf. Leben und Verletzlichkeit. Hoffnung und Erinnerung. Aufbruch und das, was noch schmerzt. Die Verletzung noch spüren und verzeihen wollen.
Ein Raum für das Werden
Ich erkenne mich darin wieder in diesen Tagen nach Ostern, wenn etwas in mir auferstanden ist. Neuer Mut oder endlich wieder Zuversicht. Lebensfreude oder die Erleichterung, weil ich etwas vergeben konnte. Was auch immer es bei dir ist, ich wünsche dir, dass du diesen Moment deiner Auferstehung erkennst und sie auch wahrnehmen kannst. Manchmal hat bei mir schon ein kleines, noch in weiter Ferne liegendes „Vielleicht geht es doch weiter“ gereicht, um mich ein Stückchen zu erheben.
Und gleichzeitig ist da noch so viel, was unverändert ist. Die offenen Fragen, die Dinge, die ich nicht lösen kann, die Müdigkeit, die nicht einfach verschwindet. Konflikte, die nicht aufgehen. Als ich das irgendwann mal erkannte, hat es mich erleichtert! Seitdem kann ich gnädiger mit mir umgehen. Ich muss mir nie selbst sagen, dass doch wieder alles gut sei – also warum noch traurig sein oder struggeln! Unsere Gefühle nach dem Auferstehen sind kein Widerspruch, sondern der Raum, in dem Leben geschieht.
Das Wagnis der offenen Hand
Vielleicht müssen wir nicht warten, bis alles stimmig ist. Vielleicht ist es genug, dass sich etwas bewegt, auch wenn anderes bleibt. Ich denke dabei an die Worte von Hilde Domin:
Nicht müde werden sondern dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hinhalten.
Was für ein zartes Bild, das gleichzeitig voller guter Energie ist. Denn es beschreibt keinen sicheren Moment, keine Garantie, kein „Es wird schon gut gehen“. Es beschreibt eine Bewegung, ein Wagnis. Ich strecke meine Hand aus und weiß nicht, ob etwas kommen wird. Ich öffne mich, ohne zu wissen, ob ich gehalten werde. Der Vogel ist nicht kontrollierbar. Er kommt, wenn er will oder auch nicht.
Vertrauen ohne Gewissheit
Wir haben nicht alles in der Hand, das weißt du längst so gut wie ich. Dass Hoffnung kein Besitz ist, den wir festhalten können, sondern eine Haltung. Dass Auferstehung nicht bedeutet, dass wir sicher sind, sondern dass wir uns trotzdem hinauswagen.
Vielleicht ist das die österliche Bewegung in unserem Alltag: dass wir die Hand ausstrecken, obwohl wir nicht wissen, was passiert. Dass wir vertrauen, ohne Gewissheit. Dass wir leben, ohne dass alles geklärt ist. Nach Ostern ist Gleichzeitigkeit. Und darin liegt eine große Tiefe für dich, für uns. Dass du dich gleichzeitig freuen kannst und gleichzeitig traurig bist. Dass du hoffst und trotzdem zweifelst. Dass du aufstehst, auch wenn nicht alles leicht ist. Der Glaube drängt uns nicht in eine einfache Antwort. Er hält diesen Raum offen, zwischen dem, was ist, und dem, was werden kann.
Ich wünsch dir von Herzen, dass du deine Hand immer wieder ausstrecken möchtest, dass du den Mut hast. Und darauf vertraust, dass das Leben sich zeigt.
