Vom Festhalten und Loslassen
Als ich begann, über das Loslassen nachzudenken, fiel mir sofort prägende Zeiten in meinem Leben ein. Das Loslassen meines Sternenkindes, die Trennung von meinem Exmann, oder all die kleinen Momente in denen ich meine Kinder beobachte und realisiere, wie groß sie geworden sind. All diese Zeiten waren Phasen, unterschiedlich lang, unterschiedlich schwer zu durchleben. Aber sie haben mich geprägt und ich habe viel über mich selbst erfahren. Daran möchte ich euch teilhaben lassen. An dem, was ich über das Loslassen denke und auch das Festhalten (denn hierfür habe ich mich manchmal selbst verteufelt, dabei ist es ganz normal). Kennst du das, wenn du längst weißt, so wie es ist, so fühlt es sich nicht mehr richtig an? Du spürst, innerlich bist du schon weiter als da, wo du gerade stehst. Oder etwas ist zum Ende gekommen. Aber du bleibst da, wo du bist. Denn Festhalten, denke ich, ist viel leichter als Loslassen, selbst wenn es nicht gut für uns ist.
Es gibt Entscheidungen im Leben, die kennen einfach keine Sieger.
Nur Schritte, die gegangen werden müssen, auch wenn die Füße schwer sind. Loslassen gehört für mich zu diesen Schritten.
Manchmal fühlt es sich an, als müsse man einen Teil von sich selbst abstreifen. Unsere Erfahrungen, die wir im Leben gemacht haben und die uns zu dem Formen, wer wir sind. Ja, selbst die schlechten Erfahrungen abzustreifen ist schmerzhaft und irgendwie ist man gefühlt nie ganz damit fertig.
Unsere Träume, die wir aufgeben müssen, weil wir wissen, dass unser Leben einen anderen Weg eingeschlagen hat.
Menschen, die wir vergessen wollen. Oder über die wir endlich hinwegkommen wollen. Sie loszulassen gehört den Königsdisziplinen, denn da hängen viele andere Beziehungsformen wie Familie oder Freund:innenclique dran.
Und manchmal müssen wir uns auch Vorstellungen, die einmal Halt gaben
und irgendwann zur Last wurden, loslassen.
Wir sprechen so leicht vom „Loslassen“, dabei bedeutet es oft, dass wir irgendwie zusehen müssen, ein inneres Erdbeben zu überstehen.
Festhalten
Es gibt Dinge, an denen wir festhalten, weil unser Leben sonst seine Kontur verliert. Menschen, die uns geprägt haben. Werte, die uns durch Krisen getragen haben. Erfahrungen, die Narben hinterlassen haben und gerade deshalb zu uns gehören.
Ich glaube, Festhalten bedeutet nicht, „Ich will nicht weiter.“ Es heißt vielleicht anzuerkennen:
Das ist ein Teil meiner Geschichte, und ich kann ihn nicht einfach ablegen, wie man Schuhe abstreift. Auch wenn es besser für mich wäre.
Wusstest du, dass deine Erinnerung ein heiliger Ort ist? Mir half diese Vorstellung dabei, mir selbst zu verzeihen. Für Situationen, in denen ich zu lange blieb. Für Sachen, die ich verschleppt habe.
Im Alten Testament tritt Gott immer wieder in die zerbrochenen Geschichten der Menschen. Nicht, weil sie die Lebensgeschichten neu schreiben will. Nein, Gott tritt in die Geschichten der Menschen, um sie zu würdigen. Denn Nichts, was dir heilig war, ist bedeutungslos. Nichts, an dem wir festhalten ist bedeutungslos. Es hatte in dem Moment seine Berechtigung, weshalb auch immer und das braucht nicht weggewischt werden. 
Loslassen
Und doch gibt es immer wieder Momente, in denen wir spüren: Ich kann diesen Weg nicht weitergehen, ohne etwas hinter mir zu lassen. Die Erkenntnis kann wehtun. Oder sofort einfach nur Erleichterung bringen. Und selbst danach kann es lange dauern, bis wir ins Handeln kommen.
Loslassen ist nie heroisch. Es ist keine Tugendübung.
Es ist ein Abschied. Und Abschiede tun weh, auch wenn sie richtig sind. Man lässt nicht los, weil man endlich „reif“ ist. Man lässt los, weil man innerlich an eine Grenze kommt und weiß: Hier bleibe ich sonst stehen. Hier wird etwas starr. Hier verliere ich Licht. Ich will und kann so nicht mehr leben.
Loslassen ist kein Triumph. Es ist eine Entscheidung inmitten von Ambivalenz. Das anzuerkennen ist wichtig, finde ich. Ich glaube, wir können dann besser mit unseren Entscheidungen leben. Wenn wir wissen, etwas darf für uns richtig sein und gleichzeitig weh tun (uns selbst und denen, denen wir mit unserer Entscheidung weh getan haben).
Wie entscheidet man?
Vielleicht nicht durch Mut. Vielleicht auch nicht durch Weisheit. Sondern durch eine Art inneres Hinhören.
Was in mir ist schon lange still geworden? Beziehungen, Gespräche, Rollen, die nur noch aus Pflicht bestehen. Was in mir um Luft bittet? Was belastet mich, auch wenn ich lächle?
Die Bibel ist gefüllt mit Loslass-Geschichten, die alles andere als glatt verlaufen.
Abraham geht los – und verliert Heimat.
Ruth bleibt – und verliert Sicherheiten.
Jesus lässt Menschen gehen – und verliert Freund:innen.
Nichts davon ist leicht. Nichts davon ist romantisiert. Loslassen ist ein Ort, den Gott kennt.
Und dann?
Ich kann dir leider nicht sagen, was du tun kannst, um loszulassen. Oder was du dazu brauchst. Das weiß allein nur du. Vielleicht hast du dich noch nicht getraut, den ersten Schritt auf der Suche nach deinen Antworten zu machen. Aus Angst vor dem, was dir dann klar werden könnte oder weil du gar nicht die Kapazitäten dafür hast. Was ich aber für mich herausgefunden habe, möchte ich gern mit dir teilen. Vielleicht hilft es dir auch.
Es gibt kein „so geht es“. Niemand anderes als du weiß, was richtig für dich ist! Du darfst dir Zeit nehmen zu begreifen, solange du brauchst. Du darfst ehrlich trauern um das, was du loslässt, auch wenn es von dir aus geht. Wie groß deine Schritte sind, entscheidest allein nur du. Und du darfst dich freuen, wenn etwas wächst, womit du gar nicht gerechnet hast.
Langsames Begreifen und - ich finde, das ist ziemlich wichtig - Festhalten bedeutet nicht, dass du rückwärts lebst. Es bedeutet, dass du deine Geschichte ernst nimmst. Zwischen diesen beiden Polen entscheidet sich unser Menschsein:
Was bleibt, und was darf gehen?
Es gibt keine leichte Antwort. Aber es gibt einen Weg, den allein du bestimmst. Den du aber nie allein gehen musst.