Wenn Warten schwerfällt
Ich bin nicht gut im Warten. Wenn ich eine Idee habe, dann soll sie am liebsten gestern schon fertig gewesen sein. Wenn ich etwas sehe, das ich haben möchte, dann möchte ich es sofort. Ich will nicht warten, bis es geliefert wird, und auch nicht, bis ich Geburtstag habe. Warten stellt mich auf eine Probe, für die ich keine Geduld habe – oder irgendwie auch nicht haben möchte, das gebe ich zu.
Nun bin ich kein Kind mehr und weiß, wie ich damit umgehen kann. Und dennoch bin ich in eine Falle getappt. Von der möchte ich dir erzählen.
Der stille Druck der schönen Bilder
Seit Wochen sehe ich auf Instagram Bastel- und Dekorationsideen für Weihnachten. Ich speichere sie fleißig ab, habe aber längst den Überblick verloren. Alles sieht so hübsch aus. Nach Geborgenheit und Magie, nach Geheimnis und Licht. Ich schaue mir die Bilder und Videos so gern an und denke jedes Mal: Das hätte ich gern! So machen wir es dieses Jahr auch!
Nur irgendwann war ich überfordert. Nicht nur kostet alles Geld, nein – es kostet vor allem Zeit. Die habe ich gar nicht. Doch wenn gefühlt alle schon ihr Zuhause schön haben, bin ich dann nicht längst zu spät? Obwohl noch nicht einmal der 1. Advent ist? Und überhaupt: Im echten Leben wird es bei uns nie so aussehen wie in diesen Videos…
Ein Gefühl, das ich nicht mag, schlich sich in den letzten Tagen bei mir ein. Es war nicht die Ungeduld. Es war die Überforderung, geboren aus der Ungeduld, dass doch alles fertig sein müsse, dass ich alles Zuhause haben müsste. Nur kam diese Ungeduld nicht aus mir selbst – dafür habe ich meine Strategien. Sie kam, weil ich mich verglich. Ganz unbewusst. Obwohl ich es besser weiß. Wann war Vergleichen schon einmal hilfreich?
Mitten im Chaos
Während ich dir diesen Brief schreibe, sitze ich im Chaos und habe – abgesehen von den Liedern – nichts für den Gottesdienst am 1. Advent vorbereitet. Es ist viel zu viel Alltag. Vielleicht bei dir ja auch. Ich habe das Gefühl, zwanzig verschiedene Fäden in der Hand zu halten, aber keiner führt irgendwohin. Nun ist Advent. Ich liebe den Advent. Ich liebe es, unser Zuhause zu schmücken. Aber vielleicht geht es dir wie mir und du hättest gern schon „alles“ fertig (was auch immer das für dich bedeutet). Und vielleicht darfst du dir – wie ich – sagen:
„Es muss nichts fertig sein. Advent bedeutet: Es darf wachsen.“ 
Was jetzt wachsen darf
Wir kommen aus dem November, einem Monat, in dem die Natur losgelassen hat und wir viel an die gedacht haben, die wir loslassen mussten. Und nun stehen wir vor dem Neuen. Mitten in einem Raum ohne Namen. Wieder ein Dazwischen.
Advent ist genau dieser Raum. Advent ist nicht das Glitzern oder die Feierlichkeiten. Es ist so viel mehr, wenn wir es zulassen. Etwas, das viel tiefer geht als jede Deko, die wir aufstellen, oder jede Aktion, an der wir teilnehmen. Es ist die Zeit, in der du dir Raum nehmen kannst für die Frage: „Was darf jetzt wachsen – und was nicht mehr?“
Wachstum klingt groß, aber das meine ich gar nicht. In Wahrheit beginnt Wachstum unscheinbar. Unter der Erde, im Verborgenen, in Entwicklungen, die so langsam sind, dass niemand sie wahrnimmt. Manchmal nicht mal wir selbst. So ist es auch mit dem Glauben. Der wächst nicht laut, sondern verborgen.
Die Menschen des Advents
Ich liebe die Geschichten der Bibel unter anderem deshalb so, weil sie von Menschen erzählen, die wie ich stolpern, nicht weiterwissen, Fehler machen oder zweifeln.
Im Advent sind es Maria – nicht perfekt, wie die Kirche uns Jahrhunderte glauben lassen wollte, sondern viel zu jung, erschrocken über das, was da plötzlich in ihr Leben trat, mit mehr Fragen als Gewissheiten. Oder Zacharias, der vor lauter Zweifel alle Worte verliert. Und nicht zu vergessen Joseph, der zwischen seinem Herzen und seinem Pflichtgefühl schwankt.
Was, wenn nichts ohne Verunsicherung wächst?
Was, wenn Advent auch bedeutet: Nicht, dass etwas kommt, sondern dass etwas reifen darf, bevor wir wissen, was es wird?
Vielleicht wächst…
Die Frage, was wachsen darf, kannst nur du für dich beantworten.
Aber vielleicht…
…Mut. Nicht der große Mut, der alles verändert. Sondern der kleine, der sagt: Ich gehe den nächsten Schritt. Mehr muss heute nicht sein.
…ein neuer Blick auf dich selbst – freundlicher, ehrlicher, geduldiger. Ein Blick, der erkennt, dass du nicht repariert werden musst, sondern gepflegt.
…eine Sehnsucht, die du lange weggeschoben hast, weil du dachtest: „Dafür ist es zu spät.“ Aber Sehnsucht kennt kein Ablaufdatum. Sie ist der Ort, an dem Gott in uns spricht – leise, immer und immer wieder.
…stille Kraft. Die Art von Kraft, die dich wirklich trägt. Kraft, die nichts beweisen muss, sondern atmet. Kraft, die du nicht machst, sondern empfängst.
Und was nicht mehr wachsen sollte
Vielleicht:
- die Stimmen, die dich klein machen,
- der alte Perfektionismus,
- die Angst, nicht zu genügen,
- Gewohnheiten, die dich müde machen,
- Geschichten, die vorbei sind,
- die Sorge, ob du alles hinbekommst,
- oder ob du es Zuhause „schön genug“ machst.
Wachsen heißt auch, etwas anderes nicht mehr zu nähren. Das kann wehtun, weil es bedeutet, loszulassen, woran wir gewöhnt sind. Aber ich glaube, es lohnt sich.
Ein anderer Weg durch den Advent
Wie wäre es, wenn wir die nächsten Wochen nicht mit „Was muss ich leisten?“ oder „Was kommt auf mich zu?“ beginnen, sondern mit:
„Was in mir ruft nach einem Anfang? Und habe ich den Mut, diesem Ruf Platz zu machen?“
Gott kommt im Kleinen. Nicht im Spektakel. Nicht im Überwältigenden. Sondern in einer Bewegung, die kaum zu spüren ist und doch eine Richtung hat.
Ich glaube, das ist das Geheimnis: Wir müssen nicht wissen, was am Ende daraus wird. Wir müssen nur bereit sein, den Boden zu bereiten, auf dem etwas wachsen darf.
Weihnachten kommt – so oder so. Egal, wie es bei dir aussieht. Und die Adventszeit wird nicht durch Schleifen, Keksgeruch, Sterne überall oder einen Weihnachtsmarktbesuch magisch, sondern dadurch, dass wir uns Zeit nehmen, da zu sein. Präsent und nicht gestresst. Wenn wir zuhören oder still werden.
Advent heißt Ankommen – nicht „schon da sein“.
Wie dein Weg bis Weihnachten aussieht, bleibt dir überlassen. Aber vielleicht erinnerst du dich daran, dass all deine Wege ganz anders aussehen als die der anderen. Weil es dich nur einmal gibt. Dich, deine Geschichte, deine Erfahrungen.
Warum also sollte dein Advent so aussehen wie der der anderen – oder wie irgendeine Erwartung?
Ich wünsche dir von Herzen, dass du bei dir sein darfst.
Mehr braucht es oft nicht.
Der Rest ist Advent.